Der neue BMBF-Foresight-Prozess
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation
Vorausschauende Identifikation von Schlüsseltechnologien
Ausgangssituation
Deutschland benötigt immer wieder neue Impulse, um im internationalen Wettbewerb als Forschungs-, Dienstleistungs- und Produktionsstandort bestehen zu können. Hochlohnländer müssen insbesondere technologisch anspruchsvolle, hochwertige Produkte und Dienstleistungen entwickeln, fertigen und vertreiben; Produkte, die aufgrund eines Mehrwerts, einer höheren Qualität oder eines höheren Innovationsgehalts einen entsprechenden Preis rechtfertigen. Derartige hochwertige Produkte werden vor allem durch Zukunftstechnologien wie beispielsweise die Nano- oder die Biotechnologie hervorgebracht. Auch wenn Deutschland bei vielen Zukunftstechnologien eine führende Position einnimmt, müssen die Anstrengungen im Forschungs- und Entwicklungsbereich intensiviert, fokussiert und noch stärker miteinander vernetzt werden. Es ist nicht nur notwendig, viel versprechende Technologien zu identifizieren und zu entwickeln, sondern auch Strategien zu implementieren, um neue Märkte zu erschließen. Benötigt wird eine langfristig orientierte, ganzheitliche Innovationspolitik.
Der Weg in die Wissensgesellschaft erfordert eine vorausschauende Ausrichtung und Gestaltung der Prozesse in Forschung und Entwicklung. Dabei gilt es, sich abzeichnende Entwicklungen richtig zu deuten und rechtzeitig in die aktuelle Forschungspolitik einzubeziehen. Bei dieser Aufgabe wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von den Fraunhofer- Instituten für System- und Innovationsforschung ISI sowie Arbeitswirtschaft und Organisation IAO unterstützt.
Zielsetzung
Deutschland muss langfristig seine Stellung als High-Tech-Standort festigen und ausbauen. Nur durch nachhaltigen technologischen Vorsprung und durch die sich daraus ergebenden zukunftsfähigen Innovationen kann das jetzige Wohlstandsniveau erhalten und die Beschäftigungssituation verbessert werden. Damit der Standort Deutschland im internationalen Wettbewerb bestehen kann, ist es wichtig, neue Entwicklungen in der Forschungs- und Entwicklungslandschaft frühzeitig zu erkennen und als Grundlage für eine zukunftsgerichtete Forschungspolitik zu nutzen. Ein Konsortium bestehend aus Fraunhofer ISI und Fraunhofer IAO ist seit dem 1. September 2007 beauftragt, den neuen Foresight-Prozess des BMBF mit einer innovativen Kombination unterschiedlicher Foresight-Methoden und einem begleitenden Monitoring durchzuführen und weiterzuentwickeln. Dieser Blick in die Zukunft hat folgende Ziele:
– Identifizierung neuer Schwerpunkte in Forschung und Technologie
– Benennung von Gebieten für Forschungs- und Innovationsfelder übergreifende Aktivitäten
– Potenzialanalyse, in welchen Technologie- und Innovationsfeldern strategische Partnerschaften möglich werden können
– Ableitung prioritärer Handlungsfelder für Forschung und Entwicklung
Mit dem neuen BMBF-Foresight-Prozess soll ein längerfristiger Blick in die Zukunft von Forschung und Technologie gewagt werden. Längerfristig heißt dabei 10 bis 15 Jahre oder mehr. Dabei werden disziplinenübergreifende Forschungs- und Technologiethemen herausgearbeitet, die wichtig für Deutschland sein werden. Darüber hinaus gilt es, die Lücke zwischen Invention und Innovation in Forschung und Entwicklung zu schließen. Für die Schließung dieser Lücke ist die Nutzung ganzheitlicher Ansätze erforderlich, damit nicht nur neue Schwerpunkte in Forschung und Technologie identifiziert werden, sondern auch die Voraussetzungen für deren zukünftige Diffusion berücksichtigt bzw. geschaffen werden.
Vorgehensweise
»Foresight« oder »Vorausschau« heißt, einen systematischen Blick in die Zukunft zu werfen, um Folgerungen für das Tun und Lassen in der Gegenwart ableiten zu können. Die Zukunft selbst ist natürlich nicht exakt vorhersagbar – im Vordergrund des Prozesses steht daher die Kommunikation über die Zukunft sowie ihre aktive Gestaltung.
Um frühzeitig prioritäre Handlungsfelder für Forschung und Entwicklung ableiten zu können, ist eine stärkere Verbindung zwischen technologischen Entwicklungen, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie die Erfassung internationaler Trends notwendig. Darüber hinaus gilt es, eine Systemführerschaft in neuen Lösungs- bzw. Themenfeldern aufzubauen. Gleichzeitig kann durch die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen innovationsrelevanten Akteuren eine bessere Vernetzung und Abstimmung erreicht werden. Im Zuge des neuen BMBF-Foresight-Prozesses wird der Dialog mit nationalen und internationalen Expertinnen und Experten sowie den relevanten Entscheidungsträgern geführt. Der Dialog und die Kooperation mit den nationalen Forschungsgesellschaften sowie weiteren institutionellen Akteuren aus den Feldern der Zukunfts- und Innovationsforschung stellt ebenfalls eine wichtige Voraussetzung dar, um zukünftige Schwerpunkte in Forschung und Technologie zu identifizieren. Schließlich müssen die bereits existierenden Vorausschau-Aktivitäten wie zum Beispiel die High-Tech-Strategie der Bundesregierung berücksichtigt werden, um mit dem neuen Prozess einen echten Mehrwert zu generieren. Verwendet wird eine innovative Kombination unterschiedlicher Methoden, um die notwendigen Informationen zu recherchieren und zu generieren.
Dabei greifen Monitoring, im Sinne einer Bestandsaufnahme der Themen, und Foresight, im Sinne einer langfristigen Betrachtung, ineinander. Das Monitoring wird durch ein internationales Panel hochkarätiger Experten unterstützt, das in zwei Wellen befragt wird. Die Foresight- Ansätze umfassen bibliometrische Verfahren, Themensuchen sowie Bewertungsprozesse, die beispielsweise über Online- Befragungen oder ein Realtime Delphi gestützt werden.
Erwartete Ergebnisse
Die Forschungs- und Technologiefelder, in denen die Suche begonnen wurde, setzen sich aus Themen zusammen, die das BMBF bereits in unterschiedlicher Breite und Tiefe behandelt. Entsprechend wurden 14 »Startthemen « als Basis für den Diskussionsprozess mit Experten und Expertinnen definiert:
– Materialien, Werkstoffe und ihre Herstellungsverfahren
– Informations- und Kommunikationstechnologie
– Nanotechnologie
– Lebenswissenschaften und Biotechnologie
– Optik / Photonik / Opto-Elektronik
– Industrielle Produktionsprozesse (Automatisierung, Robotik, Maschinenbau, Verfahrenstechnik etc.)
– Gesundheitsforschung und Medizin
– Urbanisierung, Raumentwicklung und Infrastrukturtechnologie
– Technologien für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung
– Energiebereitstellung und -nutzung (Erzeugung, Speicherung, Übertragung etc.)
– Technologie für Verkehr, Mobilität, Logistik (Land, Wasser, Luft, Raumfahrt…)
– Kognitions- und Neurowissenschaften
– Services Science
– Systemforschung und Komplexitätsforschung (inkl. Sicherheitsforschung, Konvergenzforschung)
Die 2009 zu erwartenden Ergebnisse des neuen BMBF-Foresight-Prozesses sollen die Grundlage für eine langfristig orientierte Forschungs- und Technologie-Strategie bilden. Aber nicht nur die Zukunftsthemen müssen identifiziert, sondern auch das Innovationssystem muss analysiert werden, um die heute und in der Zukunft handelnden innovationsrelevanten Akteure zu identifizieren. Aus dieser Analyse heraus können einerseits innovationspolitische Maßnahmen ergriffen und andererseits mögliche Forschungsallianzen vorbereitet werden.


Lesezeichen setzen bei